Albert Gottschalk

Stege 1866–1906 Frederiksberg

Albert Gottschalk wurde in Stege auf der Insel Møn geboren. Als er neun war, zog seine Familie nach Kopenhagen. Mit sechzehn Jahren kam er in die Malerlehre, besuchte aber im selben Jahr, im Oktober 1882, die Vorbereitungsklasse für die Kunstakademie in Kopenhagen. 1883 wurde er Privatschüler bei Karl Jensen (1851–1933) und Karl Madsen (1855–1938) und erhielt hier Impulse der französischen Landschaftsmalerei, wie sie beispielsweise von den Malern der Barbizonschule praktiziert wurde. Danach wurde er in den Jahren 1883–1888 an der Kunstnernes Frie Studieskoler von P. S. Krøyer (1851–1909) unterrichtet. Der Kunstkritiker Emil Hannover notierte zu Gottschalk, trotz vorzüglicher Anlagen fehle es diesem an Energie, seine Bilder zu vollenden, die unfertig erschienen. Das, was in Gottschalks frühen Jahren als Maler wie eine Schwäche erschien, sollte sich später als Stärke erweisen und als das, was seinen Bildern eine ganz eigene persönliche Stimmung und Sinnlichkeit gab. Obwohl Gottschalk mehrere Auslandsreisen unternahm, u. a. 1887 nach Lübeck und Berlin, 1889 nach Antwerpen, Brüssel und Paris und 1904 nach Rom, blieb er sein ganzes Leben mit seiner Geburtsstadt und der Gegend um Stege auf Møn verbunden.

Jacob Helbo Jensen

Huse og stubmølle ved en vej. Fra Kalundborg

Häuser und Bockwindmühle an einem Weg. Bei Kalundborg

1888 | Öl auf Leinwand, 27 x 52 cm | Foto: Ole Akhøj

Albert Gottschalks Landschaften sind meist menschenleer und von der Natur und einzelnen architektonischen Elementen beherrscht. In seinen Bildern sieht man himmelstrebende Kirchtürme und Turmspitzen, einsame Bockwindmühlen, Bäume und Alleen – kurz eine Kulturlandschaft, kombiniert mit Feldern und dem weiten Himmel. Meist waren Gottschalks Werke bescheiden in Format und Durcharbeitung, und er befasste sich weder mit der modernen Großstadt noch mit den monumentalen, romantischen oder bedeutungsschweren Seiten der Landschaft. Im Gegenteil, oft bildeten die Randgebiete der Stadt, sogenannte Banlieues die topographische Grundlage für die Motivwahl. Es ist die archetypische dänische Provinz, geschildert mit emotionaler Distanz, wobei die Betonung des künstlerischen Schaffensprozesses wichtiger als die exakte Wiedergabe des Motivs ist. Obwohl die Bilder den Charakter von Freiluftmalerei haben und im Skizzenformat mit schnellen Pinselstrichen gearbeitet sind, ist der Maler kein eigentlicher Impressionist. Ihn interessieren nicht die optischen Phänomene des Verhältnisses von Licht und Schatten, des formauflösenden Gegenlichts und der flimmernden Sonnenflecken. Doch wie die Impressionisten malte er immer im Freien im Einklang mit Licht und Wetter und verfolgte den Wechsel des Wetters und der Jahreszeiten. Er war für seine trüben Stimmungen bekannt, selbst in den Bildern, wo der Himmel scheinbar blau ist. In diesem Bild hier werden die Sonnenstreifen auch nur eben angedeutet, und die Schlagschatten sind wenig markant.

Gottschalk holte sich seine Inspiration u. a. aus der älteren niederländischen Kunst; darum kopierte er in seiner kurzen Zeit als Student an der Kopenhagener Kunstakademie 1882 auch Jan van Goyens (1596–1656) Prospekt von Arnhem (1646). Auch hier lag der Fokus auf der weiten Landschaft mit den architektonischen Teilen der Stadt, die wie vertikale Markierungen und Fixpunkte aufragen.

Jacob Helbo Jensen

Stege 1866–1906 Frederiksberg
“Huse og stubmølle ved en vej. Fra Kalundborg (Häuser und Bockwindmühle an einem Weg. Bei Kalundborg)”

1888, Öl auf Leinwand, 27 x 52 cm

Udsigt over Stege

Blick auf Stege

1895 | Öl auf Leinwand, 20 x 35,5 cm | Foto: Ole Akhøj

Albert Gottschalk wurde 1866 in Stege geboren. Obwohl er nur seine halbe Kindheit auf Møn verbrachte, war er sein ganzes Leben mit dieser Gegend verbunden. Besonders angetan hatte es ihm die kleine Hauptstadt Stege, auf dieses Motiv ist er immer wieder zurückgekommen. Immer wieder hat Gottschalk die Stadt mit ihren Wegen, Gebäuden und dem provinziellen Straßenleben geschildert, aber auch die Lage der Stadt in der umgebenden Landschaft mit den Feldern und dem Bodden (Noret) ließ ihn nicht los, wie das vorliegende Bild deutlich zeigt. Der Maler hat in mehreren Bildern seine Inspiration gerade in den übersehenen und unauffälligen Randgebieten der Provinz gefunden, wo Stadt und Land aufeinandertreffen. Gottschalks Bilder waren oft bescheiden in Format und Durcharbeitung, was sie unfertig erscheinen ließ. Dabei war für den Künstler der künstlerische Schaffensprozess anstelle der exakten Motivwiedergabe der Dreh- und Angelpunkt.

Auf dem Bild ist die große Stadtkirche St. Hans zu sehen, deren Turm immer ein Wahrzeichen der Stadt war. In Gottschalks pastosem und skizzenartigem Pinselstrich wird die Stadt vom Kirchturm und dem Schornstein der Zuckerfabrik überragt, dessen schwarzer Rauch sich mit den weißen Himmelswolken mischt. Zusammen bilden diese beiden Gebäude die Skyline von Stege. In der Kirche, deren Spuren bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, und der Fabrik aus den 1880er Jahren kann man so das Bewusstsein von der historischen und modernen industriellen Dimension in einem kleinen Bild zusammengefasst sehen.

Jacob Helbo Jensen

Stege 1866–1906 Frederiksberg
Udsigt over Stege – Blick auf Stege

1895 | Öl auf Leinwand, 20 x 35,5 cm | Foto: Ole Akhøj