Heinrich Eduard Linde-Walther

Lübeck 1868–1939 Lübeck

Der jüngere Bruder von Hermann Linde hieß eigentlich Heinrich Eduard Walther Linde. In Berlin gab er sich später den Künstlernamen Linde-Walther. 1868 in Lübeck geboren und dort aufgewachsen, trat er zunächst in die Fußstapfen seines Vaters und begann eine Ausbildung zum Fotografen in Wien. Als Fotograf und Kolorist war er daraufhin zwischen 1887 und 1889 in Kairo tätig. Er entschied sich dann jedoch für die Malerei, studierte von 1891 bis 1894 an der Akademie in München und von 1895 bis 1898 an der Académie Julian in Paris. Studienreisen führten ihn nach Schweden, die Niederlande und Spanien. Er ging 1898 nach Berlin und wurde dort 1902 Mitglied der Secession. Immer wieder kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Ansichten Lübecks und der Umgebung zählen neben Porträts und vor allem Kinderbildnissen zu den Hauptmotiven in Linde-Walthers Werk. 1939 starb er in Lübeck.

Alexander Bastek

Kinder im Fenster

Børn i vinduet

1868-1939 | Öl auf Leinwand, 70 x 58,5 cm

Als Porträtist war Linde-Walther vor allem als Maler von Kindern geschätzt. Neben Auftragsporträts malte er Kinder aus seiner Familie oder seinem Freundeskreis. Meist sind die Dargestellten in alltäglichen Situationen festgehalten, wodurch die Kinderbildnisse genrehafte Züge tragen. So erscheinen auch die drei nicht näher identifizierten Kinder im vorliegenden Bild spontan in einer alltäglichen Situation ins Bild gesetzt. Sie schauen den Betrachter aus einem geöffneten Fenster, von dem der Rahmen und ein Fensterflügel zu sehen sind, heraus an. Ein Mädchen mit rotem Kleid und Zopfband hat sich zentral in Fenster und Bild positioniert und seinen rechten Arm aufs Fensterbrett gestützt. Es blickt den Betrachter ebenso direkt an, wie das Mädchen zu seiner Linken und der Junge rechts, die schon etwas in den Hintergrund rücken mussten, um noch einen Platz am Fenster zu erhalten. Über ihren Köpfen blickt man ins Innere des Hauses, in dem eine Frau – möglicherweise die Mutter – mit gesenktem Blick eine Schale trägt. Ähnlich wie im Bild „Hartengrube“ (Kat. 14) kontrastiert Linde-Walther hier kindliche Aufmerksamkeit und Neugier mit Teilnahmslosigkeit der Erwachsenen.

Das klassische Schema, ein Gemälde als Blick aus dem geöffneten Fenster zu gestalten, erfährt hier seine Anwendung in umgekehrter Richtung. Die im Fenster sichtbaren Kinder erscheinen durch den Fensterrahmen bereits im idealen „Bildausschnitt“. Durch die lebendige Erscheinung der Mädchen und des Jungen hat man den Eindruck, der Maler müsse das Motiv tatsächlich spontan „gefunden“ haben. Das Motiv hat jedoch seine Vorbilder. Neben Beispielen der klassischen Porträtmalerei ist dabei vor allem an das genrehafte Bild „Junge Bäuerin mit drei Kindern im Fenster“, das der Wiener Biedermeiermaler Ferdinand Georg Waldmüller 1840 schuf, zu denken. Der bei Waldmüller für die Bildwirkung entscheidende Trompe-l’oeil-Effekt weicht bei Linde-Walther aber zugunsten des Momenthaften und Impressionistischen.

Alexander Bastek

Lübeck 1868–1939 Lübeck
Kinder im Fenster – Børn i vinduet

1868-1939 | Öl auf Leinwand, 70 x 58,5 cm

Kind im Spielzimmer

Barn i legeværelset

1901 | Öl auf Leinwand, 123 x 93,5 cm

Das klassische Familienbild als Porträt der einzelnen Familienmitglieder wird um 1900 mehrheitlich von der Fotografie bedient. Die Malerei konzentriert sich auf ihre Stärken, wie etwa die Charakterisierung der darzustellenden Personen. In diesem Sinne schuf Linde-Walther die eindrucksvolle Charakterstudie eines kleinen Mädchens im Spielzimmer, wie es im Bildtitel heißt. Tatsächlich ist dem Kind eine Ecke zwischen Esszimmer und Salon zum Spielen überlassen. Beleg dafür, dass kindliches Spiel nun fest integrierter Bestandteil des Familienlebens ist. Dennoch umgibt das Kind in Linde-Walthers Bild eine gewisse Unsicherheit, fast Traurigkeit. Es steht allein und unvertraut mit der Situation, beobachtet und porträtiert zu werden. Es posiert also nicht für ein Porträt, sondern ist in einem ganz unrepräsentativen Moment eingefangen.

Linde-Walther malte das Bild wohl Ostern 1901 in Berlin. Dargestellt ist Else Gensel, Tochter des Kunsthistorikers Walther Gensel (1870–1910), mit dem sich der Maler 1898 in Paris angefreundet hatte. 1901 traf man in Berlin wieder zusammen und Linde-Walther bat Gensel, dessen Töchter malen zu dürfen. Die damals vierjährige Else erinnerte sich später, dass sie „Linde die Tuben ausdrücken durfte und […] einen Osterhasen bekam, wenn [sie] stillgehalten hatte.“ Das Porträt ihrer zweieinhalb Jahre alten Schwester, die vor ihr auf dem Boden spielte, soll später vom Maler „weggekratzt“ worden sein.

Alexander Bastek

Lübeck 1868–1939 Lübeck
Kind im Spielzimmer – Barn i legeværelset

1901 | Öl auf Leinwand, 123 x 93,5 cm

Selbstbildnis vor Staffelei

Selvportræt foran staffeliet

1906 | Öl auf Leinwand, 83 x 58,5 cm

Der Lübecker Maler Heinrich Eduard Linde-Walther war 1898 nach Berlin übergesiedelt, wo er Wohnung und Atelier in der Steglitzer Straße 32 bezog. Bereits im folgenden Jahr stellte er in der Berliner Secession aus, deren Mitglied er dann 1902 wurde. Regelmäßig präsentierte er seine Kunst auch im renommierten Kunstsalon Cassirer, kehrte aber immer wieder in seine Heimatstadt zurück, um Lübecker Motive zu malen.

Das 1906 entstandene Selbstbildnis zeigt den Künstler im konzentrierten Malprozess. Links ist die auf einen Keilrahmen gespannte Leinwand auf der Staffelei zu sehen, rechts davon blickt Linde-Walther an dieser vorbei, um im Spiegel das Motiv seines Bildes zu studieren: Selbstbildnis vor Staffelei, das Wohnzimmer im Hintergrund, darin ein Tisch mit Vase und Schalen und Bildern an der Wand. Der Künstler stellt also nicht nur sein äußeres Erscheinungsbild dar, sondern gibt zugleich einen Einblick in seine Lebens- und Arbeitssituation. Der moderne, impressionistische Maler ist nicht mehr im üppigen Salonatelier des späten 19. Jahrhunderts tätig. Bildmotive sind entsprechend nicht die historische Staffage dieser vergangenen Epoche, sondern das direkte Umfeld des Künstlers. Die Pinselstriche dieser unmittelbaren Malerei sind deutlich sichtbar. Ebenso eindrücklich ist die Farbgebung: Türflügel und Jacke des Künstlers sind im Hell-Dunkel-Kontrast einander gegenübergestellt. Das bunte Farbspiel auf der Palette rechts unten korrespondiert mit dem der Einrichtungsutensilien links im Hintergrund. Der scharfe Blick Linde-Walthers verdeutlicht sowohl die genaue Beobachtung der Szenerie als auch den Ernst, mit dem der Maler dieses klassische Motiv des Selbstbildnisses angeht.

Alexander Bastek

Lübeck 1868–1939 Lübeck
Selbstbildnis vor Staffelei – Selvportræt foran staffeliet

1906 | Öl auf Leinwand, 83 x 58,5 cm

Die Hartengrube in Lübeck

Die Hartengrube i Lübeck

1900/1903 | Öl auf Leinwand, 71,5 x 91 cm

Auf den ersten Blick ist Linde-Walthers Straßenszene ein unspektakuläres Stadtporträt. Zu sehen ist die zwischen Dom und Trave verlaufende Hartengrube, eine typische Lübecker Altstadtstraße mit Giebelfassaden und roten Dächern. Belebt wird das Bild durch die Figurenstaffage. Die Personen im Vordergrund fallen sogleich ins Auge: eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Während sich die Mutter mit gesenktem Blick rechts aus dem Bild herausbewegt, schaut das Kind, von dem kaum mehr als der Kopf und die Schultern zu sehen sind, den Betrachter direkt an. Auch im Mittelgrund sieht man Passanten, die weder ihre Umgebung noch den Maler wahrzunehmen scheinen. Durchbrochen wird diese Straßenszene mit anonymen Passanten durch das Mädchen im Vordergrund. Es schaut neugierig, vielleicht ein wenig ängstlich, aber doch mutig genug, den Maler direkt anzublicken, aus dem Bild heraus. Dort hat sich der Künstler mit seiner Staffelei postiert. So treffen sich nun zwei verwandte Blicke: die unvoreingenommene Wahrnehmung, das neugierige Schauen des Mädchens und der künstlerische Blick des Malers, der in der unscheinbaren Straßenflucht ein bildwürdiges Motiv erkannt hat. So schuf Linde-Walther eine moderne Stadtimpression mit unverfälschtem Blick, wie er uns in der Welt des Kindes wieder begegnet.

Als Linde-Walther das Gemälde 1903 in der Berliner Secession ausgestellt hatte, sah es noch anders aus (Abb.). Statt der Mutter mit Tochter hatte der Maler zunächst einen Herrn mit Reitgerte und Strohhut in den Händen im Vordergrund platziert. Dessen skeptischer Blick in Richtung des Malers, aus dem völliges Unverständnis für das Malen unter freiem Himmel spricht, scheint Linde-Walther dann doch zu störend gewesen zu sein. Er korrigierte das Bild und schuf sich mit dem Kind einen Verbündeten.

Alexander Bastek

Lübeck 1868–1939 Lübeck
Die Hartengrube in Lübeck – Die Hartengrube i Lübeck

1900/1903 | Öl auf Leinwand, 71,5 x 91 cm