Hermann Linde

Lübeck 1863–1923 Arlesheim

Hermann Linde stammte wie sein jüngerer Bruder Heinrich Eduard Walther aus einer Lübecker Künstlerfamilie. Der Vater Hermann war einer der frühen wichtigen Fotografen der Hansestadt, der Großvater mütterlicherseits, Christian Peter Wilhelm Stolle, war Maler. Bei diesem erhielt der 1863 geborene Hermann Linde ersten Zeichenunterricht, bis er an die Akademien in Dresden und Weimar ging. Studienreisen führten ihn 1890 nach Sizilien, Ägypten und Tunesien und von 1892 bis 1895 nach Indien. Nach Europa zurückgekehrt lebte Linde in Paris und von 1896 bis 1898 in der Künstlerkolonie Dachau bei München. Begeistert von den Lehren Rudolf Steiners schloss sich Linde 1910 der Anthroposophie an und er wurde mit der Ausmalung des ersten Goetheanums beauftragt. Bekannt ist Linde heute vor allem durch seine Orientgemälde und Lübecker Stadtansichten. Er starb 1923 in Arlesheim bei Basel in der Schweiz.

Alexander Bastek

Lübecker Stadtgarten

Lübecker Stadtgarten

1891 | Öl auf Leinwand, 67,8 x 47,5 cm

Hermann Linde entstammte einer für Lübecks Kunst und Kultur wichtigen Familie: Sein Vater Hermann und der Onkel Carl Gustav waren Fotografen, der Bruder Heinrich Eduard war ebenfalls Maler (vgl. Kat. 14, 30, 32, 48 und 64) und der Bruder Max war ein bedeutender Kunstsammler und Mäzen von Edvard Munch. Sein Großvater, der Maler Christian Peter Wilhelm Stolle, gab ihm ersten Zeichenunterricht, ehe Hermann Linde in Dresden und Weimar Kunst studierte.

Das Gemälde „Lübecker Stadtgarten“ zeigt den Garten und die rückwärtige Fassade seines Geburtshauses in der Johannisstraße, heute Dr. Julius-Leber-Straße 64. Dort betrieb sein Vater bis zum Entstehungsjahr des Bildes sein Fotoatelier. Linde malte es 1891, als er zwischen seinen Reisen nach Sizilien, Ägypten und Tunesien (1890) und seinem Aufenthalt in Indien (1892–1895) in seine Heimatstadt zurückgekehrt war. Entsprechend zeigt er das heimische Umfeld in idyllischer Abgeschlossenheit. Typisch für die Lübecker Innenstadt streckt sich das schmale Grundstück lang in die Tiefe, wo ein unerwartet großer Garten zu finden ist. Üppige Blumenbeete, gepflegte Rasenflächen und ein Springbrunnen stehen im Kontrast zu den alten und schiefen Giebeln und Dächern der Häuserzeile. Der Hund im Vordergrund und die Tauben fütternde Magd rechts verleihen der Szene gar eine erzählerische Note.

Alexander Bastek

Lübeck 1863–1923 Arlesheim
Lübecker Stadtgarten – Lübecker Stadtgarten

1891 | Öl auf Leinwand, 67,8 x 47,5 cm

Kleine Petersgrube

Kleine Petersgrube

1891 | Öl auf Leinwand, 70,7 x 48,7 cm

Wie sein Bruder Heinrich Eduard kehrte auch Hermann Linde immer wieder nach Lübeck zurück, um sich malerisch seiner Geburtsstadt zu widmen. Im Gegensatz zu seinem Bruder (vgl. Kat. 14) tauchen Menschen in Hermann Lindes Stadtansichten jedoch meist nur als Staffagefiguren auf. Er widmet sich auch in diesem Gemälde ganz dem Stadtbild. Seine Staffelei hat er an der Obertrave gleich gegenüber der Kleinen Petersgrube aufgebaut. Links ist der Gasthof „Stadt Kiel“ zu sehen, vor dem zwei Fuhrwerke stehen. Der Blick schlängelt sich im Mittelgrund durch die Kleine Petersgrube, über der sich die Petrikirche mit ihrem Turm erhebt. Bewusst wählte Linde ein Hochformat, um das Hinaufstreben von Gasse und Kirchturm in Szene setzen zu können. Linde malte ein Motiv, das die Fotografen – nicht zuletzt sein Vater und sein Onkel – seit einigen Jahren bestens bedienten. Daher ging es dem Maler nicht um eine exakte Wiedergabe der Häuser und Straßen, sondern um das Einfangen des Atmosphärischen und Stimmungshaften. Der blaue Himmel und die weißen Wolken, das Lichtspiel auf der Straße und die Schatten – all das hat Linde in einer modernen, flotten Malerei festgehalten und damit eine ganz unfotografische Impression geschaffen.

Alexander Bastek

Lübeck 1863–1923 Arlesheim
Lübecker Stadtgarten – Lübecker Stadtgarten

1891 | Öl auf Leinwand, 67,8 x 47,5 cm