Kinderleben

Kinder begegnen uns in vielen Werken der Ausstellung. Mit unterschiedlichen Schilderungen geben die Künstler einen kleinen Einblick, wie man zu dieser Zeit das Leben der Kinder sah. Generell galt es als akzeptiert, dass der Begriff „Kindheit“ eine Idee der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts war. Heute ist die Idee teils durch die Erkenntnis ersetzt, dass Kindheit eine kulturelle und chronologische Variable ist und der Begriff Kindheit samt der Sicht von der Erziehung des Kindes sich in Abhängigkeit von den Gesellschaftsstrukturen geändert haben.

Die Kunst reflektiert schon seit den 1860er Jahren die moderne Auffassung vom Kind als Individuum, und durch Schilderungen von Kindern und des Lebens in ihrer unmittelbaren und weiteren Umgebung erhält man Einblick in die gesellschaftliche Entwicklung und die sozialen Schichten, denen sie angehören. Die Bilder führen uns in großer Variation die individuelle Erscheinung der einzelnen Kinder vor und wie die Künstler das Motiv aufgefasst haben.

Heinrich E. Linde-Walther schildert die kleine Else Gensel, die den etwas skeptischen Blick auf den Künstler richtet und dabei viel verschiedenes Spielzeug in einem bessergestellten bürgerlichen Heim zeigt. Das Porträt war von den Eltern des Mädchens bestellt, und darum hat der Künstler viel Gewicht auf die individuelle Persönlichkeit und Porträtähnlichkeit gelegt. Anders verhält es sich in Anna E. Munchs Bei den alten Weiden, wo mehr die Kindheit in Entfaltung des freien Spiels im Bunde mit der Natur im Mittelpunkt steht und weniger eine individuelle Darstellung der Persönlichkeit einzelner Mädchen. In Gotthardt Kuehls Im Lübecker Waisenhaus leben die armen Kinder der Stadt unter ganz anderen Bedingungen. In einer institutionalisierten und halböffentlichen Gemeinschaft arbeiten, essen, schlafen und erhalten die Kinder ihre Ausbildung in kollektiver öffentlicher Erziehung, die im schreienden Widerspruch zu Laurits Tuxens intimer und privater Schilderung steht, wie die Tochter ihre tägliche Mahlzeit unter der liebevollen Aufmerksamkeit der Eltern verzehrt.