Stadt und Land

Mehrere ausgestellte Werke entstanden in einer Zeit großer politischer und sozialer Umstürze und haben das Stadt- und Landleben zum Thema. Urbanisierung und Industrialisierung gewannen großen Einfluss auf die kreative Entfaltung, und die Künstler machten in ihren Bildern Leben und Topgraphie der Stadt zum Thema. Anfänglich durch Prospekte oder Stadtporträts, die visuelle Ähnlichkeit mit dem Gesehenen anstrebten, später in Übereinstimmung mit den Forderungen des Modernismus, das Motiv neu- oder umzuschaffen, nach Farben und Formen in einer malerischen Sprache, die visuell und stimmungsmäßig das Erlebnis modernes Stadtleben auf die Leinwand umsetzen konnten.

Gleichzeitig befasste man sich mit Motiven, die das Leben und die Arbeit auf dem Lande und der bearbeiteten Landschaft thematisierten. Diese sollten nicht nur als Ausdruck von ländlichem Idyll, Geborgenheit und Nostalgie, isoliert von der Entwicklung gesehen werden, von der die umgebende Gesellschaft geprägt war. Im Gegenteil, die Schilderungen der arbeitenden Menschen und ihre Verbundenheit mit dem Milieu auf dem Lande beziehen sich genau so sehr auf die großen gesellschaftlichen und politischen Umstürze, die in dieser Zeit stattfanden.

In seinem Stadtporträt Hartengrube fängt Heinrich E. Linde-Walther mit einem photographischen Blick die Augenblicksstimmung ein in einer typischen Straßenszene aus dem alten Lübeck mit den charakteristischen Giebelfassaden und roten Ziegeldächern. Es hat nur fünfzehn Jahre gebraucht, bis diese Darstellung der Stadt etwas angestaubt wirken sollte, vergleicht man sie mit Ernst Ludwig Kirchners und Jais Nielsens modernistischen Interpretationen des hektischen Lebens in der modernen Stadt, geprägt von technologischem Fortschritt und Geschwindigkeit, in einer mit Formen und Farben experimentierenden malerischen Sprache. In L. A. Rings und Anna Anchers unsentimentaler Schilderung des Alltags von Landbevölkerung und Arbeitern findet man dagegen aufrichtiges solidarisches Engagement und humanistische Würde mit Respekt vor den Bedingungen und Arbeitsverhältnissen, unter denen große Teile der Bevölkerung zur selben Zeit leben mussten.